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So wie ich denke rechne ich - Konstruktivismus für das Controlling?!

Aktualisiert: 23. Aug. 2021

Der radikale Konstruktivismus ist eine philosophische Denkrichtung der Erkenntnistheorie, die von Ernst von Glasersfeld begründet wurde. Die Kernthese des radikalen Konstruktivismus lautet, „daß alles Wissen […] nur in den Köpfen von Menschen existiert, und daß das denkende Subjekt nur auf Grundlage seiner Erfahrungen konstruieren kann.“ (von Glasersfeld, 1997, S. 22) Dabei „sind und bleiben [alle Erfahrungen] subjektiv“ (von Glasersfeld, 1997, S. 22). Jeder Mensch kreiert sich also seine eigene Wirklichkeit. Wir bauen uns ein Bild von der Welt, wie wir sie wahrnehmen. In diesen Konstruktionsprozess fließen Erfahrungen, also bisher Gelerntes, Erlebtes, Emotionen und Bedürfnisse ein. Demzufolge gibt es auch nicht die objektive Realität, die vom Beobachter unabhängig existiert, sondern nur eigene Wahrheiten: ich sehe die Welt durch die Brille meiner Erfahrungen. Durch Sprache können wir uns über diese innere Landkarte, unsere subjektive Konstruktionsleistung mit anderen Menschen austauschen (Oestereich & Schröder, 2017, S. 291), ohne die Möglichkeit zu prüfen, ob diese Bilder identisch sind. (von Glasersfeld, 1997, S. 22). Ein wichtiger Begriff im radikalen Konstruktivismus bildet die Viabilität, die den traditionellen philosophischen Wahrheitsbegriff ersetzt: „Handlungen, Begriffe und begriffliche Operationen sind dann viabel, wenn Sie zu den Zwecken und Beschreibungen passen, für die wir sie benutzen“ (von Glasersfeld, 1997, S. 43).


Aus konstruktivistischer Sicht ergeben sich eine Reihe von Impulsen in Richtung des traditionellen Controllings:


(1) Den Konstruktivismus kennen. Es erscheint sinnvoll, dass Menschen im Rechnungswesen und Controlling konstruktivistische Grundannahmen überhaupt erst einmal bekannt sind. Wie Günther Bauer konstatiert, ist konstruktivistisches wie auch systemtheoretisches Denken und die Konsequenzen daraus „weder im Managementhandeln noch im Lebensalltag der Menschen flächendeckend angekommen“ (Bauer, 2015, S. 51).


(1) Nichts ist objektiv – so wie ich denke, rechne ich. Die Wirklichkeitskonstruktionen der im Controlling tätigen Menschen haben Auswirkungen auf das Sammeln, Bereitstellen, Auswerten und die Art der Präsentation von Zahlenmaterial. Aus diesem Grund macht es Sinn zu hinterfragen welche Annahmen und welcher Fokus hinter einem Zahlenwerk stehen (Bauer, 2015, S. 52). Eine konstruktivistisch versierte Controllerin wird somit vermutlich das von ihr zu Verfügung gestellte Zahlenmaterial nicht als die objektive Wahrheit ansehen. Vielmehr wird sie es als Konstruktionsleistung ansehen, welche ein durch ihre subjektiven Erfahrungen und ihre Sicht geprägtes Abbild darstellt (Bauer, 2015, S. 52).


(2) Viabilität entscheidet. Eine konstruktivistisch denkende Controllerin ist sich bewusst, dass das von ihr geschaffene Zahlen- und Rechenwerk einen Beitrag liefern kann, um ökonomische Zusammenhänge zu erläutern und Entscheidungen zu treffen. Dabei steht die Frage im Vordergrund, ob diese Information (Konstruktionsleistung), auch viabel, d. h. nützlich und hilfreich ist, um die ökonomische Situation zu erfassen und zu meistern.


(3) Abgleich der Bilder. Konstruktivistisch gedacht macht es Sinn, Wirklichkeitskonstruktionen von verschiedenen Menschen übereinander zu legen, um ein hilfreiches Abbild zu erzeugen. Umgekehrt erscheint es weniger hilfreich „sich mit dem von einem Controller alleine vorgenommenen Wirklichkeitskonstruktion zu begnügen“ (Bauer, 2015, S. 52). Verschiedene Blickwinkel erzeugen also ein umfassenderes Bild einer Situation.


(4) Controlling liefert Wirklichkeitskonstruktionen. Die Prägung der im Controlling tätigen Menschen, ihr Wissen und Ihre Erfahrungen mit bestimmten Rechenwerken und -schemen haben Einfluss auf die Art der zur Verfügung gestellten Auswertungen und deren Darstellung. „Haben sich aber erst einmal spezifische Rechensysteme stabilisiert, beeinflussen sie andererseits ganz nachhaltig das, was weiter geplant, verspielt oder verknappt werden kann“ (Vollmer, 2004, S. 454). Die bereitgestellten Auswertungen und Rechenwerke kreieren also ihrerseits wieder Wirklichkeitskonstruktionen. Die Auswertungen werden zu gedanklichen Konstrukten in den Vorstellungen der Menschen, die wiederum das tatsächliche Erleben und Handeln beeinflussen können. Ausgedachte Verteilungsschlüssel und insbesondere Plan- und Budgetzahlen schaffen eine eigene Wirklichkeit. Damit kann organisiertes Rechnen „Organisationswirklichkeiten, [kreieren] deren Rückführung auf rechenexterne (repräsentierte) Wirklichkeiten den Organisationsalltag überfordert“ (Vollmer, 2004, S. 465). Organisationen verfangen sich dann in der eigens konstruierten Welt aus Planung und Kontrolle. Im schlimmsten Fall können solche selbst geschaffenen Wirklichkeitskonstruktionen dazu führen, dass relevante Impulse aus der Umwelt nicht mehr wahrgenommen werden. Es kann dann zu einer existenzbedrohlichen Entkopplung von der externen Umwelt kommen.

Die, neben dem Budget, wohl prägendste Wirklichkeitskonstruktion des Controllings bilden sämtliche Schemata der Ergebnisrechnung. Hier liefert die Wertbildungsrechnung eine Alternative zur gängigen Deckungsbeitragsrechnung des etablierten Controlling. Es spricht einiges dafür, dass die Herausforderungen unserer neunen Zeit auch noch neuen Methoden der Ergebnisrechnung verlangen.


(5) Das Rechnungswesen, aber insbesondere das Controlling, liefert die Sprache der Wirtschaft. (Chiapello, 2015, S. 150). Der äußere Reiz – ein gehörtes Wort wie „Personalkosten“- erzeugt Bilder und Assoziationen. Dem Wort wird durch Re-Präsentation von Erfahrenen „Leben eingehaucht“ (von Glasersfeld, 1997, S. 220). Ernst von Glasersfeld bezeichnet diesen Vorgang als „Bedeutungskonstruktion“ (von Glasersfeld, 1997, S. 218ff). Die Begrifflichkeiten des Controllings konstruieren damit subjektive Wirklichkeit (Hummel, 2016, S. 74). Eine sehr kleine praxisnahe und einprägsame Ausführung zu der konstruierenden Wirkung von Begriffen im Controlling findet sich in der Autobiographie des dm-Drogeriemarkt Gründers Götz Werner:


„Dabei sind Begriffe wie Werkzeuge. Wählt man den falschen, kann man sich damit nicht verständigen. […] Das Wort ‚Personalkosten‘ suggeriert, dass der Mitarbeiter ein Kostenfaktor ist. So wird es auf allen Universitäten beim Thema Kostenrechnung gelehrt: ‚Deckungsbeitrag minus Personalkosten…‘ So entsteht im Kopf das Bewusstsein, Mitarbeiter reduzieren das Ergebnis. Das Bild ist falsch. Ich habe schon sehr viele Unternehmer kennengelernt. Fast alle reden von ‚Personalkosten‘. Aber ich habe noch kein einziges Unternehmen gesehen, in dem die Mitarbeiter das Ergebnis des Unternehmens real reduzieren. Nein, es ist immer anders: Die Mitarbeiter führen das Ergebnis des Unternehmens herbei! Das ist etwas völlig anderes! Ein diametral entgegengesetzter Vorgang!“ (Werner, 2015, S. 221)


Einige Seiten später heißt es:


Was die vielen scheinbar fremdartigen Begriffe angeht, die zum dm-Wortschatz gehören, gebe ich offen zu: Ich bin ein Begriffsfetischist. Ich habe die feste Überzeugung, ein großes Unternehmen kann man nur über die richtigen Begriffe führen. Es macht für den Mitarbeiter sehr wohl einen Unterschied, ob ich von Kosten oder von Leistungen rede. Es tritt ja keiner vor und sagt: ‚Ich will Kosten machen!‘ Ideen entstehen, wenn jemand sagt: ‚Ich möchte den Kunden etwas Besseres bieten. Ich möchte unsere Leistung steigern.‘ In der Buchhaltung reden wir dann von Kosten, aber die Leistungen sind notwendig, damit wir unsere Kunden bedienen können. Begriffe sind Ideen, wer die Welt verändern will, muss neue Begriffe finden. Begriffe sind das – deswegen heißen Begriffe nämlich Begriffe-, womit wir die Welt begreifen.“ (Werner, 2015, S. 237)


In diesem Zusammenhang sei auch angemerkt, dass der Begriff des „Controlling“ selbst schon eine konstruierende Wirkung entfalten kann. Manche mögen damit „Kontrolle“ oder gar „Überwachung“ assoziieren. Bei anderen Menschen löst der Begriff wiederum eher positive Re-Präsentationen aus (Sicherheit, Kontrollierbarkeit, Zuverlässigkeit). So mag es in manchen Kontexten hilfreicher sein, statt „Controlling“ den neutraleren Begriff des „internen Rechnungswesen“ zu wählen.


Literaturhinweise und Lese-Empfehlungen


Bauer, G. (2015). Einführung in das systemische Controlling. Heidelberg: Carl Auer.


Chiapello, E. (2015). Die Konstruktion der Wirtschaft durch das Rechnungswesen. In R. Diaz-Bone, & G. Krell , Diskurs und Ökonomie (S. 149-176). Wiesbaden: Springer Fachmedien.


Hummel, P. (2016). Erkenntnis fördern, Haltung gewinnen - Die Wertbildungsrechnung bei Alnatura und dm – drogerie markt. Controller Magazin September/Oktober, S. 73-76.


Oestereich, B., & Schröder, C. (2017). Das Kollegial geführte Unternehmen. München: Verlag Franz Vahlen.


Vollmer, H. (2004). Folgen und Funktionen organisierten Rechnens. Zeitschrift für Soziologie 06/2004, S. 450-470.


von Glasersfeld, E. (1997). Radikaler Konstruktivismus. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag.


Werner, G. W. (2015). Womit ich nie gerechnet habe - Die Autobiographie. Berlin: List Taschenbuch.


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