Warum sollte man das Controlling überhaupt systemisch betrachten?
- Andreas Lerche
- 28. Juni 2021
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 23. Aug. 2021
Im betrieblichen Rechnungswesen wird üblicherweise zwischen externen und internen Rechnungswesen unterschieden. Das externe Rechnungswesen richtet sich an Adressaten außerhalb der Organisation (Finanzbehörde, Gläubiger, Anteilseigner), das interne Rechnungswesen richtet sich an interne Adressaten und dient der Entscheidungsfindung in der Unternehmung. Das externe Rechnungswesen, typischerweise auch als Finanzbuchhaltung oder nur Buchhaltung bezeichnet, wird eng von Normen, Regeln und Gesetzen bestimmt, die für ein Unternehmen nicht beeinflussbar sind (Handels- und Steuergesetzgebung, Aktien- und GmbH-Gesetzte, GOB, GOBD). Insofern besteht im Bereich des externen Rechnungswesens kein besonderer Gestaltungspielraum für eine Organisation. Im internen Rechnungswesen, das gemeinhin auch schlicht als Controlling bezeichnet wird, bestehen diese äußeren Rahmenbedingungen nicht. Im Controlling geht es im Kern um den Versuch der Steuerung der Organisation durch Planung und Kontrolle und in Bezug auf ein gesetztes Ziel.
Die gängigen Werkzeuge der betrieblichen Controlling-Praxis sind die Aufstellungen von Budgets, Deckungsbeitragsrechnungen, Plan-Ist-Vergleiche sowie Kostenarten- und Kostenstellungrechnungen (Weber & Schäffer, 2020, S. 14).
Typischerweise greift das Controlling dabei auf die qua Gesetz sehr gut sortierten Daten aus dem externen Rechnungswesen zurück und bereitet diese auf. In Unternehmen, die mit zeitgemäßen IT-Systemen arbeiten, greifen die Rechenkreise des internen und externen Rechnungswesens weitestgehend ineinander. Ob und wie ein Unternehmen sein internes Rechnungswesen ausgestalten möchte, welche Berichte von den Controllern produziert werden und wie Controlling gelebt wird, liegt vollständig im Gestaltungspielraum eines Unternehmens.
Bemerkenswert ist, dass das Controlling als Disziplin innerhalb der Betriebswirtschaftslehre bisher kaum praktisches oder akademisches Interesse an systemischen Ansätzen zu haben schien (siehe hierzu ausführlicher in Bauer, 2015, S. 43f). Im Gegensatz zur Günther Bauers Ausführung sind hier jedoch drei Strömungen auszumachen, die sich zumindest teilweise systemischen Argumenten bedienen:
Die Kritik an der Praxis der Budgetierung, namhafte Autoren dieser Diskussion sind Argyris (1952), Jensen (2001) oder Pfläging (2011) im deutschsprachigen Raum.
Die Kritik an der gängigen Praxis der Deckungsbeitragsrechnung und den damit verbundenen Vorschlag der sogenannten Wertbildungsrechnung, die jedoch überwiegend mit anthroposophischen Argumenten untermauert wird, siehe dazu bspw. Werner (2015) oder Malter (2011).
Die Kritik an der Setzung von fixierten Zielen als einer gängigen Controlling-Praxis, siehe dazu bspw. Pfläging (2011).
Auf der „anderen Seite“, der Soziologie, sieht es recht ähnlich aus: „Rechnen scheint bedeutsam für Organisationen, aber nicht für Organisationssoziologen“ (Vollmer, 2004, S. 450).
Jedoch sind auch hier in jüngerer Zeit einige Überlegungen angestellt worden, wie das organisierte Rechnen die Wahrnehmung von Menschen auf und in Organisationen beeinflusst, so beispielsweise durch Chiapello (2015). Zugegebenermaßen handelt es sich jedoch in beiden Disziplinen eher um Randerscheinungen. Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass davon in der betrieblichen Praxis kaum Notiz genommen wurde. Von meinem Standpunkt als betriebswirtschaftlichen Praktiker scheint mir das Thema jedoch hochrelevant. Herkömmliche Controlling-Praktiken stoßen in mehr und mehr selbstorganisierten, agilen Organisationen an ihre Grenzen. Der Blick durch die Controllingbrille vermag nicht mehr so recht zu helfen, manchmal sogar zu hindern. Es lohnt sich daher, die gängigen, lange Zeit als gesetzt angenommen Grundpfeiler des etablierten Controlling „systemisch zu beleuchten“ und somit alternative Sichtweisen auf Unternehmen und die Unternehmensrechnung anzubieten.
In den kommenden Beiträgen möchte ich eine Annährung an diesen Themenkomplex wagen. Dazu möchte ich die wesentlichen Konzepte des systemischen Denkens und Handelns und deren Implikationen für das Controlling beleuchten: das Konzept des radikalen Konstruktivismus, das Denken in Systemen und in zirkulären Zusammenhängen sowie zu guter Letzt das Konzept der Entscheidungsprämissen. Die Reihenfolge orientiert sich dabei ungefähr am zeitlichen Entstehen der Konzepte und damit beginnend mit der Idee des (radikalen) Konstruktivismus.
Literaturhinweise und Lese-Empfehlungen
Argyris, C. (1952). The Impact of Budgets on People. New York: School of Business and Public Administration, Cornell University.
Bauer, G. (2015). Einführung in das systemische Controlling. Heidelberg: Carl Auer.
Chiapello, E. (2015). Die Konstruktion der Wirtschaft durch das Rechnungswesen. In R. Diaz-Bone, & G. Krell , Diskurs und Ökonomie (S. 149-176). Wiesbaden: Springer Fachmedien.
Jensen, M. C. (2001). Corporate Budgeting is Broken, Let's Fix it. Harvard Business Review, November 2001, S. 94-101.
Malter, M. A. (2011). Die Wertbildungsrechnung - Ein Sozialorganisches Instrument des internen Rechnungswesen. Alfter: Institut für Sozialorganik an der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft.
Pfläging, N. (2011). Führen mit flexiblen Zielen - Praxisbuch für mehr Erfolg im Wettbewerb. Frankfurt am Main / New York: Campus Verlag.
Vollmer, H. (2004). Folgen und Funktionen organisierten Rechnens. Zeitschrift für Soziologie 06/2004, S. 450-470.
von Glasersfeld, E. (1997). Radikaler Konstruktivismus. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag.
Weber, J., & Schäffer, U. (2020). Einführung in das Controlling, 16. Auflage. Stuttgart: Schäffer-Poeschel Verlag.
Werner, G. W. (2015). Womit ich nie gerechnet habe - Die Autobiographie. Berlin: List Taschenbuch.
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